Die Kindermörderin      
Written by Ghost   
Thursday, 13 April 2006
Weibliche Rolle aus Heinrich Leopold Wagners "Kindermörderin".
Die Kindermörderin/Heinrich Leopold Wagner ( 1747 - 1779)

Evchen. Warum, Liebe? – Seh ich vielleicht etwas erhitzt, etwas aufgebracht aus? – Das thut es mir zu zeiten, wenn ich an den Treulosen denk; 's ist aber gleich wieder vorbey, nur ein Übergang – jetzt bin ich schon ganz gelaßen wieder – nur ein bischen schwach – geh sie, sag sie meinem Vater, ich lebte noch, morgen sollt er mehr von mir hören: – wenn er ihr Geld gibt, bring sie was fürs Kind mit, es kann kaum mehr schreyn, so matt ists; – geh sie, geh sie! jeder Augenblick ist mir jetzt theuer –

Fr. Marthan. Na denn, dem armen Kind zu gefallen will ich geschwind hinten herum springen; in weniger als nichts bin ich wieder zurück, und bring ihm ein Stück Zuckerdorsch mit.

Evchen. Das thu sie, Frau Marthan: komm sie ja bald wieder, sonst möchts zu spät seyn.

Fr. Marthan (im Abgehn.) Zu spät? –

Evchen. Es wird ja so schon dunkel – (Frau Marthan vollends ab.) – mir vor den Augen! war mirs schon lang. – Fast war mir bang, ich brächte sie mir nicht vom Hals. – Ja! was wollt ich doch? – warum schickt ich sie aus. – Mein armes bischen Verstand hat, glaub ich, vollends den Herzstoß bekommen! – (das Kind schreyt wieder.) Singst du? singst? singst unsern Schwanengesang? – sing, Gröningseckchen! sing! – Gröningseck! so hieß ja dein Vater; (nimmts vom Bett wieder auf und liebkosts.) – Ein böser Vater! der dir und mir nichts seyn will, gar nichts! und mirs doch so oft schwur, uns alles zu seyn! – ha! im Bordel so gar es schwur! – (zum Kind) Schreyst? schreyst immer? laß mich schreyn, ich bin die Hure, die Muttermörderinn; du bist noch nichts! – ein kleiner Bastert, sonst gar nichts; – (mit verbißner Wuth.) – sollst auch nie werden, was ich bin, nie ausstehn, was ich ausstehn muß – (nimmt eine Stecknadel, und drückt sie dem Kind in Schlaf, das Kind schreyt ärger, es gleichsam zu überschreyn singt sie erst sehr laut, hernach immer schwächer.)

Eya Pupeya!
Schlaf Kindlein! schlaf wohl!
Schlaf ewig wohl!
Ha ha ha, ha ha! (wiegts auf dem Arm.)
Dein Vater war ein Bösewicht,
Hat deine Mutter zur Hure gemacht;
Eya Pupeya!
Schlaf Kindlein! schlaf wohl!
Schlaf ewig wohl!
Ha ha ha, ha ha!

Schläfst du, mein Liebchen, schläfst? – wie sanft! bald beneid ich dich Bastert, so schlafen Engel nur! – Was mein Liedchen nicht konnte! – säng mich doch auch jemand in Schlaf so! – Ha! ein Blutstropfen! den muß ich wegküssen, – noch einer! – auch den! (küßt das Kind an dem verwundeten Schlaf.) – Was ist das? – süß! sehr süß! aber hinten nach bitter – ha, jetzt merk ichs – Blut meines eignen Kinds! – und das trink ich? – (wirfts Kind aufs Bett) Da schlaf, Gröningseck! schlaf! schlaf ewig! – bald werd ich auch schlafen – schwerlich so sanft als du einschlafen, aber wenns einmal geschehn ist, ists gleichviel. – (Man hört jemand.) Gott! wer kommt? (sie deckt das Kind zu, setzt sich daneben, und fällt, da sie ihren Vater kommen sieht, mit dem Gesicht aufs Kopfküßen.)

Humbrecht. Wo? wo ist sie, mein Evchen? – meine Tochter, meine einige Tochter? (erblickt sie auf dem Bett.) Ha! bist du da, Hure, bist da? – Hier Alte! dein Geld! (wirft einen Sack hin, Fr. Marthan hebt ihn auf und thut ihn beyseite.) – Hängst den Kopf wieder? hasts nicht Ursach, Evchen, 's ist dir alles verziehn, alles! – (schüttelt sie.) Komm! sag ich, komm! wir wollen Nachball halten – – ja, da möcht man sich ja kreutzigen und segnen über so ein Aas: wenn der Vater zankt, so laufts davon, gibt er gute Wort, so ists taub. – (schüttelt sie noch heftiger.) Willst reden? oder ich schlag dir das Hirn ein! –

Fr. Marthan (reißt ihn zurück.) Thut er doch, als wenn er einen Ochsen vor sich hätt! – Kein Wunder, wenn sie die Gichter bekäm. – Kann er nicht ordentlich reden?

Humbrecht. Hast Recht, Alte! vollkommen Recht! wart! wie mach ichs? (kniet nieder vor seiner Tochter.) Liebs, guts Evchen! hab doch Mitleiden mit deinem gedemüthigten Vater! verstoß ihn nicht ganz; nimm ihn zu Gnaden wieder auf! – sieh, auf den Knieen liegt er vor dir und bittet dich. – Hast deine Mutter vor der Zeit ins Grab gebracht, sey so gut, ich beschwör dich darum, und gib auch mir den letzten Stoß, mir, deinem Vater –

Quelle: Projekt Gutenberg

 
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